Biografie

Ich weiß nicht, was eine Geige wert ist, wenn Frieden ist. Wenn man wie wir kurz vor dem Verhungern ist, nimmt man dafür zwei Laib Brot und eine Stange Wurst. Ich hätte die Geige auch für weniger hergegeben, aber Max ließ sich von dem Bauern, mit dem er den Tausch verhandelte, nicht einschüchtern. Mit unserer Beute stiegen wir die Leiter zum Heuboden hinauf und schlüpften durch die niedrige Türe. Als wir uns wieder aufrichteten, stand Herr Karrer vor uns. „Man hat mir meine Geige gestohlen“, flüsterte er. Meine Augenlieder zitterten, mein Gesicht wurde heiß und ich spürte außer meinem Kopf nichts mehr, nicht einmal mehr meinen hungrigen Magen. Keiner sagte ein Wort. Ich schaute zu Peter, er hatte den Kopf gesenkt. Der Ziegenbock im Stall unter uns meckerte. „Wir haben auch was gestohlen“, sagte Max nach einer Ewigkeit, „zwei Laib Brot und eine Wurst“. Herr Karrer setzte sich erschöpft ins Heu und blickte stumm vor sich. Max brach vom Brot ein Stück ab und reichte es Herrn Karrer, der schüttelte wortlos den Kopf. Ich kämpfte gegen die Tränen an. „Hast du auch gestohlen, Adolf?“, fragte Herr Karrer und blickte mich an. Ich nickte. „Virtitudo non rarus famem vincat!“, sagte Herr Karrer. “Wie?“, fragte Max. „Das ist lateinisch und heißt: nicht selten besiegt der Hunger die Tugend“, sagte Herr Karrer. Dann lehnte er sich zurück und schloss die Augen.

Auszug aus einer biografischen Erzählung,
www.br-online.de/Nachkriegskinder

 

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